Psychoanalyse und Telepathie (1)
Von Emilio Servadio – Roma
IMAGO 1935, pp.489-497

Unserem Thema hat zwar Freud ein Kapitel seiner “Neuen Folge der Vorlesun:gen zur Einführung in die Psychoanalyse” gewidmet, die wissenschaftliche Legitimifãt des Gegenstandes ist aber auch Psychoanalytikern, die sich ihm genähert
haben, noch zweifelhaft. Ich möchte betonen, dass meines Erachtens an der Existenz telepathischer Erscheinungen zu zweifeln, heute entweder von Unkenntnis der Tatsachen oder von Parteinahme zeugt. Man benimmt sich der Telepathie gegenüber wie in jenem berühmten Andersenschen Märchen, in dem ein Kaiser in einem für “die Dummen unsichtbaren” Kleide ausgeht. Niemand will der erste sein, der beschreibt, was er sieht, jeder fürchtet sich, als dumm zu gelten. Ich denke, dass viele von der Existenz telepathischer Erscheinungen überzeugt sind und auch persönlich Beweise dafür haben mögen; aber die Befürchtung, man könnte ihnen Fixierungen an kindliche Denkungsarten vorwerfen, d. h. vorwerfen, dass sich die Welt als magisch belebt ansehen, nimmt fast jedem die Neigung, seine Überzeugung kundzutun. Wer sich von diesem Gebiete bisher ferngehalten hat, kann sich an Hand einer reichen Literatur Aufklärungen verschaffen. Ich möchte vor allem auf die neuere Arbeit von W. F. Prince, “The Sinclair Experiments Demonstrating Telepathy” (2) hinweisen, die einen sorgfältigen Bericht über die wichtigsten Versuchsreihen, sowie eine Bibliographie enthält.

Ich werde im folgenden Fãlle von Telepathie während der Analyse, die so genannten “telepathischen Träume”, und Fälle von telepathischer Übertragung im Wachzustande (mit besonderer Berücksichtigung der so genannten “telepathischen Halluzinationen”) behandeln.

I

Über telepathische Erscheinungen während der Analyse haben mehrere Psychoanalytiker Mitteilungen veröffentlicht.

Helene Deutsch (3) nimmt grundsãtzlich die Möglichkeit der Telepathie an; in den Fragen der Telepathie wãhrend der Analyse unterscheidet sie die telepathischen Erscheinungen von Vorkornmnissen, die aus der analytischen Situation selbst entspringen können. Wie Freud (4) uns gemahnt hat, soll der Psychoanalytiker “dem gebenden Unbewussten des Kranken sein eigenes Unbewuiltes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen wie der Receiver des Teiephons zur Teller eingestellt ist”. Solche Situationen führen oft, wie Helene Deutsch meint, zu psychischen Kontakten, außerhalb des Bewusstseinsapparates”.
Es handle sich aber da nicht um Telepathie sondern um eine Art, intuitiver Einfühlung”, die mit der telepathischen Erscheinung nur eine unvollkommene Analogie zeige. Immerhin würde sowohl diese intuitive Einfühlung als auch die echte Telepathie während der Analyse zum Übertragungsverhältnis auf Seiten des Analysanden und zur partiellen Identifizierung
(Gegenübertragung) des Analytikers gehören. Die drei, von Helene Deutsch gebrachten Beispiele bestätigen diesen Gesichtspunkt. In den beiden ersten ist der Patient der vorbewussten psychischen Inhalte des Analytikers habhaft geworden und hat sich mit psychischer Energie, die seinen eigenen Komplexen entstammte, besetzt; im dritten Beispiel spielt die
telepathische Beziehung zwischen einer Patientin und einem anderen Menschen; aber möglicherweise hat die Analyse darauf mehr oder weniger Einfluss gehabt. In alten drei Fällen hat der Analysand die Person, welche Gegenstand der telepathischen Beziehung war, mit einer anderen, die ihm sehr nahe stand, identifiziert, zweimal die Analytikerin mit der eigenen Mutter, das dritte Mai einen Mann mit dem eigenen Bruder.

Die von Helene Deutsch gemachte Unterscheidung begegnet in der praktischen Anwendung ernsten Schwierigkeiten, obwohl sie theoretisch annehmbar ist. Das Unterscheidungsrnerkrnal kann nur in gewissen Einzelheiten der Geschehnisse liegen:
Je geringfügiger und aligerneiner sie sind, um so wahrscheinlicher handelt es sich um jene “intuitive Einfühlung”, die jeder Analytiker erlebt hat; je größer und spezifischer sie sind, um so wahrscheinlicher handelt es sich um Telepathie. Andererseits werden viele Fälle der ersten Kategorie von der zweiten umfasst, wenn man sich an eine weite Definition der Telepathie hält. Die auffallenden, dramatischen” Fälle dieser Erscheinung, die ihren äußersten Ausdruck in der telepathischen Halluzination finden, dürfen uns nicht vergessen lassen, dass die Telepathie in einer viel bescheideneren Art, sozusagen “normal” vor sich gehen kann.

Was uns mehr interessiert, ist die Annahme von Helene Deutsch, dass sich im Laufe einer Analyse Vorkornrnnisse telepathiischer Art einstellen können. Auch in den von Freud (5) jüngst mitgeteilten Fällen war das Übertragungsverhältnis auslösend für die in Frage steneaden Phänomene. Hollos (6) hat eine reichere, zum Teil sehr einleuchtende Kasuistik mitgeteilt. Ich selbst habe im Laufe von Analysen, die ich ausgeführt habe, einige wenige einschlägige Fälle beobachtet.

Die telepathische Übertragung während der Analyse ist meines Erachtens durch zweierlei Umstände bedingt: erstens durch jene, die für die telepathische Übertragung im Allgemeinen gelten; ferner durch manche spezifische Bedingungen der analytischen Situation. Diese sind nun zu prüfen.

Die Forschungen auf dern Gebiete der Telepathie haben unter anderem festzustellen erlaubt, dass die optimalen und vielleicht unerlässlichen Bedingungen für die telepathische Übertragung folgende sind:

1. Unbewusstheit der Übertragung von Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen.

2. Partielle oder totale Bewusstseinstrübung, namentlich beirn Empfänger (wie im Schlafe, in den hypnoiden Zustanden usw.).

3. Ein bemerkenswerter Gefühlston der Inhalte.

Diese drei Bedingungen sind in der Analyse mehr oder weniger verwirklicht. Es liegt auf der Hand dass die beiden Bedingungen Unbewulltheit der telepathischen
Übertragung und Affektbetonung, in erster Linie den Empfänger (d.h. den Analysanden im allgemeinen) betreffend; aber Helene Deutsch, der Spur Freuds folgend, und auch Reik, (7) dieser ohne Beziehung zur Frage der Telepathie, haben gezeigt, dass sie sich in mehr oder weniger beschränktem Masse auch auf den Analytiker ausdehnen können.

Die zweite Gruppe von Bedingungen haftet zuweilen der analytischen Situation an. Auf diese Bedingungen möchte ich eingehen. Es handelt sich ur Betrachtungen, die noch sub fudice sind. Ich beginne mit einem persönlichen Erlebnis.

Einer meiner Freunde batte soeben begonnen, diese Arbeit mit mir ins Deutsche zu flbersetzen; sie lag mir sehr am Herzen. In der ersten analytischen Sitzung danach teilt einer meiner Analysanden folgende Phantasie mit: ,,Ich möchte so unter die Leute gehen, wie der Kaiser aus jenen Mrchen, wissen Sic?, der einen Mantel trug, weicher ihn unsichtbar machte.” Ich ergänze seine Andeutung, erinnere ihn daran, drall es sich ur eine berühmte Erzählung von Andersen handelt, und bemerke, drall der betreffende Kaiser in Wirklichkeit nackt unter die Leute gegangen sei, und drall er nicht unsichtbar war, so drall das unbehagliche Gefflhl, angeschaut zu werden, das mcm Patient zu haben bekannte, in Wirklichkeit eine exhibitionistiksche Regung verbarg.

Indem ich meinerseits die Mornente analysierte, weiche den Aniall zu diesem merkwürdigen “Zusammentreffen” gegeben baten, muilte ich erkennen, dall das von mir gewählte und oben zitierte Beispiel mich nicht sehr befriedigte, weil es mir zu
narzilltisch zu scm schien. Anderseits dachte ich beirn Durchlesen der ersten Zeilen des deutschen Textes miit einer gewissen Verlegenheit, wie schlecht meine deutsche Aussprache sei, und drall ich trotzdem bei diesem Vortrage zu exhibieren gezwungen sei. Das Beispiel batte, als peinlich, von mir verdrängt werden sollen.

Was uns bei diesem Falle am meisten auffüllt, ist das Zusammentreffen des Er-eignisses von telepathischem Charakter mit dem Vorgang in meinem Seelenleben.
Dynamisch em Verdrängungsvorgang, hat er sich topisch wahrscheinlich zwischen Bw. und Vbw., oder vielleicht wie die echte Verdrängung zwischen Vbw. und Ubw.abgespielt.

Diese Charakteristika sind nicht zufàllig. Hollós gibt (a. a. O.) Auskiinfte über den psychischen Zustand des Analytikers, De ur sc h bringt ihrerseits Berichte über den psychischen Zustand des Analysanden bei solchen Vorkomrnnissen. Dies bestätigt reine Vermutung, die ich später, aber un abhängig von Hollós, der sic als erster veröffentlicht und in vollendeter Form ausgedruckt hat, gebildet bette.

H 0116 s meint, dall im allgemeinen bei Fallen von Telepathie, die sich während der Analyse ereignen, der Inhalt der telepathischen trbertragung in Bezug auf die Psyche des Analytikers aus Elementen gebildet ist, die im Begriff sind, der Verdrängung zu unterliegen.
“Es ist nicht die Verdrängung als Resultat etwa im Unbewullten, sondern em dynamischer Zustand, eine Verdrangungstendenz, die sich durch den ganzen psychischen Apparat vom Ich wahrscheinlich durch das Vorbewuilte bis ins Unbewuuite zieht… die auftauchenden Einfälle der Patienten setzen die Gedanken des Analytikers nicht logisch fort, sondern in cinem frei assoziativen Verhältnis…, wie der Trauminhalt zum latenten Traumgedanken oder em neurotisches Symptom zu dem realen Wunsche” steht. “Es herrscht der Primr- Mechanismus… ” Hollós bemerkt weiter, daI1 die telepathischen Übertragungen in der Analyse in ihrem Mechanismus eine Analogie mit den Feihandlungen aufweisen, mit dem Unterschiede, da die letzteren sine unbewuIte Tendenz des Individuums, die Auf3erungen telepathischr Herkunft hingegen unbewufite Tendenzen des anderen (in diesem Falle: des Analytikers) verraten. Der Charakter der ,,tJberraschung”, der den Fallen von Telepathic in der Analyse eigen ist, 1st dann em sowohl diesen als auch den Fehlleistungen gemeinsames Merkmal: sozusagen ,,Offenbarung” und ,,Entlarvung”. ,,Ich konnte konstatieren, dall meine Falle sich auffällig häuften in den Zeitpunkten, in weichen mich das Leben vor schwere Aufgaben steilte, wo ich Konflikte mit mir oder Besorgnisse batte.”

Auf Grund der Gärnachten Beobachtungen und der Nachweise bezüglich der Telepathic im allgen-ieinen folgert Hollós, dall wir unsere Begriffe über den Wirkungskreis der Libido und der Übertragung ausdehnen und der unbeviullten Beziehung, die sich zwischen dem Patienten und deni Analytiker einstellt, gröllere Aufmerksamkeit schenken müssen.

Die oben mitgeteilte Beobachtung bestätigt Hollós’ Auffassung. Auch in meinem Falle handelte es sich urn Regungen, weiche mm Begriffe waren, verdrngt zu werden, und welche sich meinem Patienten durch eine Mitteilung telepathischen Charakters
,,verrieten”.

Auf den topischen Gesichtspunkt werden wir später zurückkommen. Vorlufig darf man aus dem bisher Gesagten folgern:

r dall sich während der Analyse, mit grollerer oder geringerer Häufigkeit, Falle von Telepathie ereignen können, weiche vor allem und Im Allgemeinen von der speziellen Beziehung zwischen Analytiker und Analysanden bedingt sind; a. dall diese Beziehung im Zeichen der positiven oder negativen tybertragung steht;

3. dall der Inhalt der telepathischen Cbertragung ìm allgemeinen einem Verdrangungsprozell unterworfen ist, der thch beim Analytiker gerade einstellt und speziellen Komplexen des Analysanden angehort (dynamischer Gesichtspunkt);

4. dall die Verbindung sich zwischen Bewuiltem und Vorbewu&em oder, womoglich bei tieferer Telepathic, zwischen Vorbewulltem und Unbewulltem einstellt (topischer Gesichtspunkt); dall man solchen Geschehnissen in der analytischen Praxis Rechnung tragen mull, und zwar mehr, als es bisher geschehen ist.

II.

Wir legen uns nun die Frage vor, oh es tatsachlich telepathische Traume gibt, und ob deren Kenntnis etwas zur analytischen Theorie des Traums Im aligemeinen beitragen kann.

Das Vorkommen telepathischer Phanomene wàhrend des Schiafes, in Form von Traumbildern, ist durch eine grolle Anzahl von Zeugnissen und Belegen bewiesen.
Der ,telepathische Traum” scheint sogar die aligemeinere Erscheinungsform zu sci, in der sich die paranormale tYbertragung ereignet, und das ist wolul verstandlich, wenn man sich vergegenwartigt, dall elnige der erwahnten Bedingungen für die Telepathie sich Im Schlafzustande volikommen verwirklichen.

Aber nur Freud8 hat die Frage behandelt, ob eine telepathische tYbertragung von Bildern wahrend des Schlafzustandes vorkommen kano und ob dies die psychoanalytische Theorie des Traumes beeinflussen könne. Dies verneint er, denn seiner Meinung nach wird ,,die telepathische Botschaft behandelt wie em Stuck des Materials zur Traumbildung, wie em anderer
Reiz von auflen oder innen, wie em störendes Gerusch von der Straile… Die telepathische Botschaft kann also an der Traumbildung nichts ndern, die Telepathic hat mit dem Wesen des Traumes nichts zu tun…” Freud fragt weiter, ob der bildliche Ausdruck eines au thentischen telepathischen Geschehens wThrend des Schiafes flberhaupt ,,Traum” genannt wèrden könne, und meint, dail dieses Geschehen kein wirklicher Traum sei; man könne ihn nur als ,,ein telepathisches Ereignis im Schlafzustande” bezeichnen. In der ,,Neuen Folge der Vorlesungen zur Einfuhrung in die Psychoanalyse” zeigt Freud, dall in bestimmten Fllen erst die Analyse das telepathische Moment, das in einem Traume oder in einer Mitteilung
enthalten ist, aufzudecken imstande sei, weil das betreffende Moment denselben Entstellungs pozessen unterworfen ist wie die Regungen, die sich im ailgemeinen im Traume, in den Fehileistungen usw. kundgeben.

Grundstzlich stimme ich Freud zu: Entw.eder ist em Traum pseudotelepathisch, d. li. er enthált Elemente, die nur dern Anscheine nac.h telepathisch sind, in Wirk-Iìchkeit aber auf andere Momente zurflckzuführen sind, die die Analyse aufzuzeigen imstande ist; oder es handelt sich urn ec}ite teiepathische tYbertragung, weiche sich des Schlafzustandes bedient, urn in einem Menschen Bilder hervorzurufen, weiche mit dem Traume nur das gemeinsam haben, dall sie formal ebenso aussehen. Wenn em oder mehrere telepathische Elemente sich in einern Traume einstellen und der Traumarbeit unterworfen sind, wie es bei den Tagesresten der Fall ist, so kehrt man wiederum ganz zur analytischen Traumtheorie zurück, ohne theoretische Abnderungen einzuführen, und gewinnt dabei em wichtiges praktisch.es Kriterium zur Erfor-schung der Telepathie.

Die wichtigste Aufgabe ware nun der Nachweis ,,reiner” telepathischer Erscheinungen, d. h. solcher, die plötzlich in der Psyche des Individuums auftauchen, und zwar aus keinem anderen Grund als aus teiepathischer tYbertragung. Ich selbst
habe mich vom Vorkommen soicher Erscheinungen nicht uberzeugen können und balte sie für Ausnahmen im Vergleich zu telepathischen Phnomenen überhaupt.

Dais Auftreten dieser Erscheinungen während der Analyse sagt über die speziellen Komplexe oder Affektzustände des Analysanden und des Analytikers aus, die sic zu bedingen scheinen. Wir sind danach geneigt, anzunehmen, dall in der übergrollen Mehrzahl der Falle von Telepathie irn Wachzustande und im Traume ich sage nur aus wissenschaftlicher Vorsicht nicht: in alien Fallen) die teiepathische Erscheinung an sich von den speziellen Komplexen, von den speziellen psychischen Situationen des Subjektes, von dem Affektzustande des Senders bedingt und gefordert wird.
Ich .begnuge mich damit, cinige Argumente dafür anzuführen: erstens das schon zitierte Prinzip des ,,Affekttonus” (es ist wohi bekannt, dall 99 Prozent der Falle von spontaner Telepathic sich auf Ereignisse, weiche den Empfnger tief berühren, beziehen, am hufigsten auf Krankheit oder Tod enger Verwanilter oder lieber Freunde); zweitens die Tatsache, die ich zurn erstenmal selbst festgestellt und in psyc}ioanalytischer Beleuchtung hervorgehoben babe,9 dall auch in der experimentellen Telepathie Bilder, die spezielle Kornplexe des Perzipienten berühren, viel leichter ubertragen werden, und zwar als Symbole von anderen Vorstellungen oder anderen Gedanken, die aber mit jenen Komplexen en. verbunden sind. Die Analyse
mehrerer telepathischer Trume hat mir und anderen Analytikern, die mir dies mündlich mitgeteilt haben, gezeigt, wie die Telepathie an speziellen Stellen der psychischen Struktur durchbricht: an Stellen,die wegen ihrer ,,Eigenart” das Auftauchen der Telepathie begunstigen und ihr die nötige ,,Besetzung” verleihen, damit sie sich ‘in eine Vorstellung umsetze.

Wenn das aber richtig ist, wenn die telepathische Erscheinung grundsdtzlich von Situationen bedingt ist, die die Analyse gegebenenfalls aufklàren kann, so ist die Forderung berechtigt, dall Im aligemeinen das telepachische Element in der Traurn-analyse berücksichtigt werden mull. Dies braucht nicht die Grundorientierung ziandern, wohi aber wird es ihr em weiteres Element hinzufugen. Das wird von grollem Nutzen sein, urn eine Deutung, die anfänglich die angenommene telepathische Tatsache zu ignorieren bestrebt ist und hestrebt sein muli, nicht jenseits einer gewissen Wahrscheinlichkeitsgrenze zu treiben. Jede solche Deutung mull an Grenzen gelangen, jenseits deren es bei weitem wissenschaftlicher ist zu bekennen, dall sich wahrscheinlich cime teiepathische Erscheinung cingesteilt hat.

Es bliebe nur noch die Kehrseite des Problems zu berUcksichtigen: und zwar, der Spur Freuds, Hitschmanns1° und Róheirns11 folgend, festzustellen, wie man auf Grund reiner psychoanalytischer Kriterien zeigen kann, dall Tràume, weiche auf den ersten Buck telepathisch zu scm scheinen, durch die ailgemeinere psychoanalytische Traumtheorie allein vollig zu erklren sind. Aber ich wolite nicht über ,,unechte”, sondern ,,echte” Telepathie und ihre Bedeutung für unser Forschungsgebiet sprechen.

III

Die theoretische Erörterung des psychischen Mechanismus der telepathischen Cbertragungen Im Traumzustande schliel3t an die der telepathischen Halluzinationen an.” Die ,,halluzinatorische” Form ist tatschlich cine der hufigsten und bekanntesten der spontanen Telepathie. Wir könnten eigentlich sagen, dall die telepathischen Halluzinationen und die telepathischen Trume zusammen neun Zehntel der Falle von Telepathie ausmachen. Paradigmatisch könnte man cine telepathische Erscheinung von hall uzinatorischer Form folgendermallen beschreiben: A, elm Verwandter oder Freund von B, befindet sich in ernster Gefahr oder 1st dem Sterben nahe; im selben Augenblick, oder kurze Zeit danach, nimmt B plotzlich das Bud
von A wahr und schliellt oft daraus, dall A etwas Schreckliches zugestollen sein müsse, dall er vielleicht gestorben sei. Diese Form von spontaner Telepathie tritt als Vision wahrend des Schiafes, im Wachzustande oder im J-Ialbschlafe auf.

Die telepathische Halluzination ist ihrem Mechanismus nach em Ratsel geblieben und scheint mit anderen, auch mit experimentell gewonnenen Ergebnissen in Widerspruch zu stehen. In den Experimenten von Gedankenübertragung oder ähnlichen wird namlich das Bud des Gegenstandes oder der Person ubertragen an weiche der Absender denkt; im Falle der teiepathischen Halluzinationen geschieht gerade das Gegenteil: Der Empfnger sieht das Bud des Absenders selbst und nicht etwa das eigene, auf weiches aller Wahrscheinlichkeit nach der Absender seine Gedanken emgestellt haben wird. Wie können wir uns diese •merkwurdige Erscheinung erklären, die in den telepathischen Trumen in gleicher Art auftritt?

Wir müssen uns auf die psychoanalytische Theorie der Halluzinationen berufen. Nach Freud ist die Halluzination der Ausdruck eines Triebwunsches des Es. Die Regungen des Es drängen zu einer halluzinatorischen Befriedigung, die von starken Gegenbesetzungen hintangehalten wird. Tm Traume und in amenten Zusfdnden kommen die Halluzinationen als Ausdruck der Triebbefriedigung dadurch zustande, daI diese Gegenbesetzungen ausgeschaltct werden. Freud hat den prirnitiven archischen Charakter dieser Art von Triebbefriedigung im psychologischen Abschnitte seiner Traumdeutung, in ,,Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens”, und auch spter oft hervorgehoben. Diese Art der Befriedigung wird nut der Aufrichtung der ,,Reali.ttsprufung” aufgegeben.

Im Falle der telepathischen Halluzination wird durch einen Reiz (im ailgemeinen affektiven Charakters) der erwähnte Hemmungsmechanisrnus auf uns unbekannte Art au1er Kraft gesetzt, so daf die Halluzination zustande kommt. Zu diesern allgemeinen Problem treten im Falle der telepathischen Halluzination weitere Fragen hinzu: a) warum dieser Reiz gerade die Halluzination des Absenders freisetzt oder – vorsicheiger gefalit – jenes Menschen, der vorn Empfänger entfernt ist;
b) warurn gerade dieser Reiz die Hemmungen aufhebt und den Ernpfänger vorUbergehend in einen primitiven und infantilen Zustand psychischer Ausdrucksweise versetzt. Dieses zweite Problem fállt irn Falle des telepathischen Traurnes weg, da der
psychische Apparat sich beim Trurnen auf archaische Art ausdrückt.

Zur Beantwortung dieser Frage dient uns im AnschluI an bereits bekannte Momente em sehr aufschlu1reicher Gedankengang von Ed. WeiI iiber die Aufgabe,die dem ,Wissen urn die Existenz eines Objektes” zukommt.
Das Es, das nur das Lustprinzip kennt, das ,,wirklich” von ,,unwirklich” nicht unterscheidet, hat die Fahigkeit, Halluzinationen hervorzurufen, so im Traurne und in der Arnentia. Im Ich jedoch, das sich zwischen Es und Au&nwelt einschiebt, wird die Realithtsprufung hergestelit, die die halluzinatorische Befriedigung verhindert. Das Es ist aber unf}iig zu verzichten, was unter anderem die schrnerzhafte Trauerarbeit nötig macht, in der das Ich sich andert. Wie uns Freud gelehrt hat, bricht das Ich seine Beziehungen zur Realitt ab und lällt Halluzinationen zu, wenn ihm die Realitht zu schmerzhaft ist, urn ertragen zu werden; so kommen amente Zustands-bilder zustande. Aber auch wenn der psychische Apparat – wie es die Regel ist sich den Forderungen der Realitt beugt, zeigt die Analyse, daL das Ich sich das verlorene Liebesobjekt introjiziert, urn so das Es zu beschwichtigen. WeiL’3 erklärt das lebhafte Bud des Opfers, welches vor den Augen des Schuldigen (beispielsweise Macbeths erscheint dadurch daI die Imago des Objektes oder das Objekt selbst verietzt wurde: gleichsam als ob das Es, des Objektes oder des Objektersatzes beraubt, neueriich zur Halluzination greifen würde.

Für das Kind existiert am Anfange seines Lebens nur das, was es wahrnimmt; wenn die Mutter aus seinem Gesichtskreis entschwunden ist,existiert sic nicht mehr.
Die Halluzination kann die fehlende ‘Wa}irnehmung ersetzen. Nach und nach, mit der Aufstellung der RealittsprUfung, beginnt das Kind zu verstehen, da1 die Mutter fortbestehen kann, auch wenn es sie zeitweise nicht wahrnimmt. Es tritt also an Stelle der Wahrnehmung, die abhanden gekommen ist, jene psychische Einstellung, weiche im ,,Wissen” urn die Existenz des Objektes, das nicht konstant wahrgenommen werden kann, besteht. Und es ist ebeti dieses ,,Wissen” des Ichs, das das Es beschwichtigt. Hart aber dieses ,,Wissen” des Ichs auf, oder erfThrt das Ich, da das Liebesobjekt nicht mehr existiert, so kommt das Es urn jenes Moment, das es beschwichtigte, und so wird die Trauerarbeit in Gang gesetzt, wenn es nicht geradezu zu einer Arnentia kommt.

In einer noch micht veröffentlichten Arbeit zeigt Wei1, dais mitunter cine Ursache für das Zustandekommen von besonders starkem Schuldgefühl für eine aktuell begangene Obeltat durch das “Wissen” des Geschãdigten urn das erlittene Unrecht
gegeben ist; em Wissen, das im Falle einer heirniich begangenen Schuld telepathisch vermittelt sezin könnte. Mir scheint es nun, daI auch Im Falle der Todesgefahr oder des eingetretenen Todes cines Menschen das ,,Wissen” darum auf seiten eines anderen, ihm affektiv verbundenen Menschen auf telepathischem Wege verniittelt scm könnte.
So käme pldtzlich und unerwartet em Moment abhanden, weiches das Es beschwichtigte, d. h. das Wissen urn seine Eistenz; so wird die Halluzination des Liebesobjektes nicht mehr hintangehalten. Aber bald stellen sich wiederum normale Bedingungen der Realitàtsprufung her, durch die soiche Halluzinationen gehemmt werden; ún crateri Momente jedoch verwirklicht sich cine Erscheixiung, die in ihrem Mechanismus mit den Halluzinationen der Amentia seEr verwandt ist. Dies würde em Beispiel dafur sein, da{. das “Wissen” urn die Existenz des Liebesobjektes beeintrchtigt wird, ohne dall das Ich davon Kenntnis erhlt.

Das Moment der tYberraschung, d. h. die Tatsache, dall der Reiz auf eridogenem Wege das Tjnbewu&e des Empfangers trifft, mag genügen, urn die Hemmungen zu schwáchen oder zeitweilig aufzuheben, so dall der halluzinatorische Schopfungsakt des Es frei vor sich gehen kann. Im Traume 1st dieser Vorgang noch evidenter. Da sind die Bedingungen praktisch dieselben wie in den von Weill beschriebenen Fal-len, mit dem Unterschiede jedoch, dall mi Falle der Telepathic der Reiz zur Halluzination auf paranormalern Wege den Empfänger erreicht und nicht nur cine Imago oder em Introjekt verletzt, sondern das “Wissen” urn die Existenz des wirklichen Objektes beeintrachtigt oder aufhebt. Indessen sind die Affektmomente, die Schwachung der Hemmungen und endlich der Ausgang in halluzinatorischer Form, die so lange anhalt, als der Hemmungsmcchanismus nicht wiederhergesteilt ist, dieselben, Die Antwort auf das ailgerneine Problem der telepathischen Halluzinationen, d. h. auf die Frage nach dern Grunde, aus dem der Empfanger das Bud des Absenders
halluziniert, ist also meiner Ansicht nach folgende: Das Bud, das den Inhalt der telepathischen Halluzinationen ausmacht, ist eine psychische Leistung des Empfngers, oder, besser, em Zuruckgreif en auf eine primitive Leistung, gleichsam als Entschdigung für die Verletzung des Wahrnehmungsquivalentes des Liebesobjektes, weiche von einem das Unbewullte treffenden Reiz zugefugt wurde. Diese Antwort gilt natürlich auch für die telepathischen Ubertragungen im Schlafzustande und im Traum.

Die Prüfung der Telepathic wáhrend des Schlafes und in ihrer alluzinatorischen Form mull ergnzt werden und zu den Ergebnissen der tJntersuchung der Falle von Telepathic wdhrend der psychoanalytischen Beobachtung in Beziehung gebracht werden.
Vom topischen Gesichtspunkte aus ist es seEr wahrscheinlich, dall sich das telepathische Vorkommnis regeimallig zwischen Vorbewulltem und Unbewulltern abspielt, genauer in der psychischen Zone, in der sich die unbewullten Widerstande des
Ichs geltend machen. Wenn diese Widerstande nicht überwunden würden, körinte das telepathische penomen lie bewuilt werden; anderseits wird dieses nur in einer Ausdrucksweise bewullt, die für den Primarvorgang typisch ist. Dies geht aus den Ausführungen von Hollós hervor und entspricht der topischen Regression auf jenes psychische System, in dem sich sowohi das Traumen als auch der halluzinatorische Vorgang abspielt.

Vom dynamischen Gesichtspunkt aus }iaben wir gezeigt, dall der Inhalt der telepathischen tYbertragung aus besonderen Komplexen oder Affektmomenten des Empfangers und aus Affektzusthnden des Absenders hervorgeht, und zwar soichen, die nicht schon fixiert und statisch sind, sondern eben einen aktuellen dynamischen Charakter haben (vgl. die Falle von Hollós). Wir könnten in diesem Sinne unsere Ausführungen über topische Regression dahin erganzen, dall in der Telepathie eine regressive Verwendung von in Wirkung stehenden psychischen Energien stattfinde, und dall sic zu ontogenetisch frflheren Ausdrucksweisen zuruckgrdfe. Man könnte sich fragen, ob dieses Zuruckgreifen nicht auch em phylogenetisches Zuruckgreifen sei, und mit Freud vermuten, dall der telepathische Ausdruck ,,der ursprungliche, archaische Weg der Verstandigung unter den Einzelwesen” sei, ,der im Lauf der phylogenetischen Entwicklung durch die bessere Methode der Mitteilung mit Hilfe von Zeichen zuruckgedrangt wird, die man mit den Sinnesorganen aufnimmt. Aber die altere Methode könnte im Hintergrund erhalten bleiben und sich unter gewissen Bedingungen noch durchsetzen . .

Anderseits sucht man auch im Falle der experimentellen Telepathic, auf die ich hier nicht eingehen kann, mòglichst die Bedingungen der spontanen Telepathic herzustellen, indem man die Aufmerksamkeit ablenkt, Affektzustande künstlich hervorruft usw. Ich glaube nicht, dall eine telepathisc}ie Obertragung, sei es auch eine experimentelie, auf Grund des reinen, logischen, rationalen und bewu&en Gedankens zustande kommen kann. Wie in so vielen anderen Forschungsgebieten kann uns auch hier nur die Psychoanalyse verhelfen, besser zu verstehen, was uns unlogisch, irrational und unbewull t erscheint.


(1) Aus einem Vortrag, gehalten auf dern XIII. Internationalen psychoanalytischen Kongress· in Luzern am 30. August 1934

(2) Bulletin XVI”, Boston Society for Psychic Research, Boston, April 1932, S. 87 ff.

(3)Helene Deutsch: Okkulte Vorgãnge wãhrend der Psychoanalyse, Imago, XII (1926), S. 418.

(4) Sigm. Freud: Ges. Schr., Bd. VI, S. 69.

(5) Ges. Schr., Bd. XII, namentlich S. 199-205.

(6) Istvan Hollos : Psychopathologie alltäglicher telepathischer Erscheinungen, Iniago, XIX, 1933, S. 529.

(7) Theodor Reik: New ways in psychoanalytic technique. International journal of Psycho-Analysis, XIV, 1933, S-321.

8) Traum und Telepathie, in Ges. Schr., III, S. 278 ff.

10) E. Fìitschmann: Telepathic und Psychoanalyse, Imago, Jahrg. IX, 1923, S. 368-

11) G. Róheisn: Telepathy in a Dream, in The Psychoanalytic Quarterly, I, 1932, S. 277-

12) Vgl. dazu Serva dio, Sul meccanismo psichico delle allucinazioni telepatiche. La Ricerca Psichica, Oktober 1933, Heft io, S. 577 ff.

13) Edoardo Weiss: Die Regression nud Projektion im tYber-Ich. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVIII, 1932, S. 25.

14) Ges. Schr., Bd. XII, S. 207.

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